Rückblick
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Papst ist ab heute zu Besuch
Höchste Sicherheitsstufe für Benedikt XVI. / Wulff setzt auf "befreiende Botschaften"

Berlin. Wer jetzt noch sein Fahrrad vor dem ARD-Hauptstadtstudio stehen hat, ist selbst Schuld. Ab heute früh (Donnerstag, 22. September 2011) ist der Bereich rund um den Bundestag wie leer gefegt. Autos, Motorräder, Fahrräder - was nicht umgeparkt wurde, ist abgeschleppt. Auf Kosten des Besitzers natürlich, wie die ARD auf zahlreichen Zetteln erklärt, die seit Tagen rund um das Gebäude hängen.

Bei der Bild-Zeitung hat man es bekanntlich gerne eine Nummer größer: 2.880 Quadratmeter, um genau zu sein. Der Axel-Springer-Verlag verhüllt sich in einer überdimensionierten Version der Bild-Titelseite vom 20. April 2005. "Wir sind Papst!" Ob Benedikt XVI. diesen Willkommensgruß in der Stadt mit neun Prozent Katholiken sehen wird, ist fraglich. Die Berliner haben sich den Tag über auf zahlreiche Sperrungen einzustellen, für den Papst gilt die höchste Sicherheitsstufe. Auch für die Abgeordneten im Parlament gibt es Einschränkungen. Wer zwischen den Gebäuden des Bundestags pendeln muss, dem wird in einem internen Schreiben "dringend empfohlen", dies über die unterirdischen Verbindungen zu tun. Auch wenn die Hoffnung auf revolutionäre Worte des Pontifex im Vorfeld gedämpft wurde, wagte Bundespräsident Christian Wulff - Katholik, geschieden, neu verheiratet - einen Vorstoß: "Die Millionen Menschen, die in konfessionsverschiedenen Ehen leben, und die Millionen wiederverheirateten Katholiken, aber auch viele andere Gruppen erwarten befreiende Botschaften."
Text: Maja Heinrich, Leipziger Volkszeitung (22.09.2011)
Foto: dpa

Papstfieber ohne Ansteckung
Das Interesse am Besuch von Benedikt XVI. in Thüringen hält sich in Grenzen

Erfurt. Der Papst kommt und Deutschland ist im Ausnahmezustand. Autobahnen werden gesperrt, Fußballspiele verschoben, Kanaldeckel versiegelt. In Erfurt reagieren viele Menschen bereits genervt. Gegendemonstranten wollen in der Stadt eine religionsfreie Zone errichten. Doch ausgerechnet in Thüringen, dem Kernland der Reformation, erhoffen sich Katholiken und Protestanten vom Papst einen Aufbruch zur Annäherung.

Das Papstfieber ist leider nicht ansteckend. Ute Banse hat ihren kleinen Kirchenladen direkt am Erfurter Domplatz mit Papstdevotionalien vollgepfropft, doch der Ansturm blieb bislang aus. "Es gibt so eine miesmacherische Stimmung. Immer wird nur über die Kosten geredet", klagt die Inhaberin. Am besten verkaufe sich noch der Ratzefummel, ein Radiergummi für die kleinen Bleistiftsünden. Sie hofft, wenigstens für die 300 Pilgerhocker Abnehmer zu finden, wenn am Sonnabend direkt vor ihrem Laden am Dom die große Freiluftmesse mit 30.000 Menschen gefeiert wird. Wegen der Sicherheitsbestimmungen beginnt der Einlass bereits um vier Uhr in der Früh. Wer nah am Papst sein will, braucht Steherqualitäten - oder einen Hocker.

In Erfurt gleicht der Besuch des Oberhauptes von weltweit 1,2 Milliarden Katholiken einem Meteoriteneinschlag. Sämtliche Hotels der 200.000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt sind seit Monaten ausgebucht. Es gibt schulfrei, damit Pilger in Klassenräumen unterkommen. Jede Minute, die Benedikt auf Thüringer Boden verbringt, ist wie in einem Drehbuch penibel verplant.

Morgen um 10:45 Uhr wird er mit dem Kanzler-Airbus von Berlin aus auf dem Flughafen landen. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) trifft ihn zu einem Vier-Augen-Gespräch. Die evangelische Pastorin will mit Benedikt nicht über die Rolle der Frau in der Kirche sprechen, sondern über die Ökumene. Anschließend besucht er den Erfurter Dom und das Augustinerkloster. Auf diesen Ort fokussiert sich das Interesse der Weltöffentlichkeit. Martin Luther wurde hier 1507 zum Priester geweiht, bevor er wenige Jahre später die Reformation anzettelte und unwillentlich eine Kirchenspaltung herbeiführte.

Ausgerechnet in diesem Kloster, zudem heute evangelisch, beabsichtigt der Papst ein 35-minütiges Gespräch mit der Spitze der Evangelischen Kirche (EKD). "Wir erwarten keine Sensationen", hat Benedikt bereits in einer Fernsehansprache Erwartungen an ein Ende aller Streitigkeiten gedämpft. Der Ort allein sei bereits eine starke Botschaft.

"Ich hätte mir nie träumen lassen, dass der Papst kommt. Das grenzt an ein Wunder", sagt Klosterkurator Lothar Schmelz. Seelenruhig steht er neben der Orgel in der kleinen, schmucklosen Augustinerkirche, in der 300 Gäste - darunter Kanzlerin und Bundespräsident - einen kleinen Wortgottesdienst feiern werden. Die Töne quietschen etwas. "Total verstimmt und verdreckt", sagt ein Orgelfachmann, der seit zwei Tagen die richtigen Tonlagen sucht.

Die größte Sorge von Peter Kittel ist das Wetter. Er erhofft sich nicht Kaisersondern sonniges Papstwetter. Bisher sieht es gut aus. Der schwungvolle Bayer organisiert die große Freiluftmesse im Eichsfeld, mitten auf einer Kuhweide vor der kleinen Marienkapelle Etzelsbach. Mehr als 60.000 Pilger werden erwartet, 1.600 Toilettenhäuschen stehen bereit. Wegen der katastrophalen Anbindung wird die A 38 auf 65 Kilometer voll gesperrt und als Busparkplatz genutzt. Gegen 17:30 Uhr schwebt der Papst in einem Geschwader aus 13 Hubschraubern ein. Er wird im Papamobil einen Giro durch die Menge drehen und ein Abendgebet, eine Vesper, sprechen.

"Trotz 40 Jahren Einzäunung haben alle zusammengehalten. Dass der Papst dies mit seinem Besuch anerkennt, ist eine große Freude", sagt Pfarrer Franz-Xaver Stubenitzky. Er betreut die Wallfahrtskapelle, eine von 14 im kleinen Eichsfeld, das als katholische Enklave dem DDR-Regime die Stirn geboten hat. Gelüftet ist mittlerweile das Geheimnis, wo der Papst anschließend übernachten wird: In einer bescheidenen Zelle im Priesterseminar Erfurt. Ein Schreibtisch, Bett, Schrank - und eine kleine Nasszelle. Die Gemeinschaftsdusche wird dem immerhin schon 84-jährigen nicht zugemutet.

Seine letzte Station ist die große Eucharistie-Feier auf dem Domplatz am Sonnabend. Benedetto-Jubelrufe und ausflippende Jugendliche wie zum Weltjugendtag in Spanien darf er nicht erwarten. Ein Bündnis von Papstgegnern will auf dem Anger eine religionsfreie Zone einrichten und gegen die Sexuallehre und Verteufelung gleichgeschlechtlicher Liebe protestieren. Etwa 6.000 Polizisten sind im Einsatz. Auf den Domplatz darf nur, wer ein Ticket hat, Fenster müssen verschlossen bleiben. Am Wochenende strapazierte noch eine Bombenwarnung auf der Krämerbrücke die angespannten Nerven. 800 Malteserärzte kümmern sich in Thüringen um die Pilger. Im Eichsfeld sogar mit Fahrrad- und Motorradstaffeln, um die Pilgerwege abzusichern.

"Anders als auf Rockkonzerten haben wir es zum Glück weniger mit Alkohol und Drogen, sondern vermutlich eher mit Erschöpfungen oder verknacksten Füßen zu tun", sagt Christina Gold vom Einsatzstab. Um den Papst kümmern sich ein eigener Leibarzt, Patrizio Polisca, und Burkhard Pfaff. "Ich bin beeindruckt, wie fit und geistig rege der Heilige Vater ist", sagt der Malteser-Arzt aus Bayern. Dabei hält es Benedikt wie einst Churchill: no sports. Bislang unbestätigt ist noch, ob sich der Papst mit Missbrauchsopfern trifft. Auch Erfurt hatte vor einem Jahr seinen Skandal. Eine Austrittswelle blieb dem Bistum - mit 154.000 Gläubigen in Thüringen eines der kleinsten weltweit - zwar erspart. Aber die Hoffnungen sind groß, dass der Papst neue Impulse gibt - das Motto der Reise lautet nicht umsonst: Wo Gott ist, da ist Zukunft.
Text: Robert Büssow, Leipziger Volkszeitung (22.09.2011)
Foto:

Papst lobt Öko-Bewegung
Viel Beifall nach Bundestagsrede / Messe vor 61.000 Gläubigen im Berliner Olympiastadion

Berlin. Papst Benedikt XVI. hat zu Beginn seines Deutschlandbesuchs eine Rückbesinnung auf die christlichen Wurzeln angemahnt. In seiner Rede im Bundestag forderte er zudem die Politiker auf, konsequent für das Wohl der Menschen einzutreten. Danach rief er im Olympiastadion die deutschen Katholiken auf, trotz Missständen nicht aus der Kirche auszutreten.

Auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ging der Papst in seiner mit Spannung erwarteten Rede im Bundestag nicht ein. Auch umstrittene Themen wie die ethischen Debatten über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik sprach er nicht direkt an. Dagegen lobte er aber unter anderem die ökologische Bewegung in Deutschland. Er appellierte an die Politiker, die ganze Weite der Welt zu sehen und nicht nur die rationalen Mechanismen, nach denen sie angeblich funktioniere.

Nach der teils scharfen Debatte um die Boykottankündigung etlicher Abgeordneter fiel der Empfang für den Papst im Bundestag freundlich aus. Zwar blieben viele Oppositionspolitiker - vor allem der Linken - fern. Doch erhielt der Papst vor Beginn und zum Ende seiner Rede viel Applaus.

Am Abend (Donnerstag, 22. September 2011) kamen dann im Berliner Olympiastadion rund 61.000 Gläubige zu einer Messe der Superlative mit dem Pontifex zusammen. Eindringlich rief der Papst die Katholiken auf, trotz Negativschlagzeilen zu ihrer Kirche zu stehen. "Manche bleiben mit ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen", beklagte Benedikt in seiner stark theologisch geprägten Ansprache, die weltweit übertragen wurde. "Die Kirche ist das schönste Geschenk Gottes." Überraschend hielt der Papst zudem einen Teil der Liturgie in lateinischer Sprache. In Deutschland ist das heute nur noch in konservativen Kreisen üblich.

Bei der Begrüßung durch Bundespräsident Christian Wulff hatte der Papst zuvor die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben beklagt. "Der Religion gegenüber erleben wir eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, die Nützlichkeitserwägungen den Vorrang gibt." Dabei sei die Religion Grundlage für ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft. Wulff brachte seinerseits die hohen Erwartungen an den Papst-Besuch zum Ausdruck. Er sagte mit Blick auf die Debatte über den Ausschluss nach einer Scheidung wiederverheirateter Katholiken von der Kommunion, die Kirche sei immer von neuen Fragen herausgefordert. Wulff ist selbst in zweiter Ehe verheiratet.

Auf dem Flug nach Deutschland hatte Benedikt vor Journalisten auch kurz den Missbrauchsskandal angesprochen. Die Kirche müsse lernen, solche Skandale auszuhalten und jeden Missbrauch zu bekämpfen. Er könne verstehen, dass Menschen, die den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester nahe stünden, nicht mehr in dieser Kirche sein wollten.

In der Berliner Innenstadt protestierten gestern tausende Menschen gegen den Besuch, der den Papst bis Sonntag noch nach Erfurt, in das Eichsfeld und nach Freiburg führt.

Leitartikel: Benedikt-Rede mit Kopf und Herz
von Olaf Majer

Die Papst-Spötter auf Twitter haben geirrt: Benedikt XVI. ist nicht in den Deutschen Bundestag geeilt, um der FDP die letzte Ölung zu geben. Er hat auch nicht dem geschiedenen und wiederverheirateten katholischen Bundespräsidenten die Leviten gelesen oder den Berliner Gute-Laune-Bär Klaus Wowereit samt Lebenspartner zum Teufel gejagt. Deutschland wird nach Benedikts Rede kein autoritärer Kirchenstaat und die Protestantin Angela Merkel darf Kanzlerin bleiben. Alle Aufregung im Vorfeld also umsonst?

Im Gegenteil. Die Benedikt-Rede war aufregend, aber anders als gedacht. Wer hätte gedacht, dass sich ein Papst mit den Nöten der Parlamentarier so grundsätzlich auseinandersetzt? Dass er fragt, woher wir heute unser Rechtsverständnis beziehen, wo doch im rationalen Politikbetrieb die Mehrheit stehen muss und Euro-Kritiker unter wachsenden Druck geraten? Dass der DAX just in dem Moment um fünf Prozent fiel, als Benedikt die Besinnung auf ganzheitliches Denken von Natur und Vernunft forderte, mag Zufall sein. Doch Benedikts Mahnung, dass auch Politiker ein hörendes Herz brauchen und der Mensch sich nicht selber schafft, war eine starke Ansage in Krisenzeiten. Die hätte selbst der aus dem Saal flüchtende Ur-Grüne Hans-Christian Ströbele aushalten können.

Der Landsmann aus Rom hat den Fehler vermieden, sich im Wünsch-Dir-Was-Katalog zu verzetteln, der im Vorfeld der Erwartungen immer dicker wurde. Er hat sich ganz im Stile des Professors Ratzinger auf Wesentliches konzentriert. Doch diesmal sprach neben dem Kopf auch das Herz. Sein Lob für die ökologische Bewegung in Deutschland brachte ihm sogar Zwischenapplaus der verbliebenen Grünen-Fraktion ein. Und sein Rat, der Mensch solle sich so annehmen, wie er von Gott angenommen ist, war mehr als Kritik an der Gendiagnostik. Sie macht auch Hoffnung auf mehr Liberalität gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen.

Der Wittenberger Theologe Schorlemmer hat die Bundestags-Rede abgelehnt mit der Befürchtung: Rom hat gesprochen, die Debatte ist beendet. Nein, sie hat gerade erst begonnen. Dass einige ignorante Toleranz-Apostel im Parlament mitreden wollen ohne zuzuhören, bleibt ein Ärgernis. Herrliche Ironie ist dagegen, dass ausgerechnet die Grünen für beste Papst-Bilder sorgen: Europaabgeordneter Reinhard Bütikofer ist Wetterpate für Hoch Reneé, das Benedikt in strahlendes Sonnenlicht rückt. Aber wie sagt schon der Volksmund: Der Mensch denkt und Gott lenkt.
Text: Maja Heinrich & Reinhard Urschel, Leipziger Volkszeitung (23.09.2011)
Foto: AFP


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Fotos: Stefanie Ramm

Papst dämpft Ökumene-Träume
Benedikt XVI. würdigt Luther in Erfurt / 90.000 Gläubige pilgern zur Marienvesper ins Eichsfeld

Erfurt. Papst Benedikt XVI. hat gestern (Freitag, 23. September 2011) Thüringen besucht. Zehntausende Menschen feierten das Oberhaupt der Katholiken. Bei einem Treffen mit der evangelischen Kirche enttäuschte der Papst allerdings Hoffnungen auf schnellen ökumenischen Fortschritt. Am Abend kam er mit Missbrauchsopfern zusammen.

Er habe kein "ökumenisches Gastgeschenk" dabei, sagte Benedikt im Erfurter Augustinerkloster, wo einst der Reformator Martin Luther wirkte. Vorerst seien also keine konkreten ökumenischen Schritte zu erwarten. Zugleich aber würdigte er Luther. Die Frage eines "gnädigen Gottes" habe Luther "ins Herz getroffen" und hinter seinem theologischen Suchen und Ringen gestanden, sagte der Papst. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, sprach danach von einer "faktischen Rehabilitation" Luthers. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands bedauerte dagegen, dass Benedikt in Erfurt nicht konkret auf die 500-Jahr-Feier der Reformation 2017 eingegangen war. Viele Gläubige hatten zudem auf ein klareres Signal zur Überwindung der Kirchenspaltung gehofft.

Ein weiterer Höhepunkt des Papst-Besuches in Thüringen war gestern Abend eine Marienvesper mit rund 90.000 Gläubigen in Etzelsbach im Eichsfeld. Benedikt warnte dabei in seiner Predigt davor, Selbstverwirklichung als Ziel des Lebens zu sehen. "Nicht die Selbstverwirklichung, das Sich-selber-Haben- und Machen-Wollen, schafft wahre Entfaltung des Menschen, wie es heute als Leitbild des modernen Lebens propagiert wird, das leicht in einen verfeinerten Egoismus umschlägt." Stattdessen habe die Gottesmutter Maria mit ihrer "Haltung der Hingabe" ein Vorbild für gelungenes Leben gegeben.

Am Abend traf sich der Papst in Erfurt auch mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester und kirchliche Mitarbeiter. Anschließend sprach er mit Menschen, die sich um Missbrauchsopfer kümmern und ihnen helfen, wie Vatikan und Bischofskonferenz mitteilten. Ein solches Treffen gehörte nicht zum offiziellen Besuchsprogramm. Es war aber als symbolische Geste erwartet worden.

Am heutigen Sonnabend will Benedikt noch auf dem Domplatz in Erfurt eine Heilige Messe feiern. Dann bricht er zur letzten Station seines Deutschlandbesuchs nach Freiburg auf.

Zehn Leser dieser Zeitung bekamen exklusiv die Gelegenheit, den Papst in Thüringen zu empfangen. "Das war sehr bewegend", sagte Peggy Sachse aus Leipzig.

Kommentar: Benedikt XVI. verpasst historische Chance
von Robert Büssow

Der Papst wandelt in Erfurt auf den Spuren Luthers. Das ist natürlich eine starke Geste. Doch zu Recht haben viele Gläubige gerade deshalb mehr erwarten dürfen als eine höfliche Würdigung bisheriger Annäherungsversuche.

Benedikt XVI. hat eine historische Chance verpasst, die schmerzhaften Wunden und Verletzungen, die sich beide Kirchen in fast 500 Jahren gegenseitig zugefügt haben, ein wenig zu heilen und eine Brücke zu schlagen. Man kann in einer guten halben Stunde sicher nicht die Differenzen von Jahrhunderten überwinden, doch stattdessen bremst der Papst die Ökumene aus. Die katholische Kirche lässt nicht mit sich verhandeln, ließ er in Erfurt wissen. Nicht bei der Ordination von Frauen, dem Zölibat oder dem Verbot eines gemeinsamen Abendmahls in konfessionsverschiedenen Familien. Der Papst erkennt die von Luther begründete protestantische Abspaltung ja nicht einmal als gleichrangig, sondern nur als kirchenähnliche Gemeinschaft an. Damit hat Benedikt sein Image als kompromissloser Dogmatiker bestätigt, der er schon als Präfekt der Glaubenskongregation war, und viele Menschen enttäuscht, die sich in ihrem Leben als Christen Erleichterungen von theologischen Denkverboten erhofft hatten.

Seine starre Haltung und Betonung der Tradition ist aber auch Teil seiner Rolle: Benedikt versteht sich als Stellvertreter Christi, und ist als solcher nicht angetreten, um seine Privatmeinung zu äußern. Immerhin muss er ein weltumspannendes Reich katholischer Gläubiger zusammenhalten, das bei zu schnellen Volten unter seinen Fingern zerbröseln würde. Der Prozess der mühsamen Annäherung in Trippelschritten geht weiter. Es scheint bedauerlicherweise so, dass der Papst selbst das größte Hindernis für die Ökumene ist.
Text: Olaf Majer & Robert Büssow, Leipziger Volkszeitung (24.09.2011)
Foto: dpa


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Fotos: Lutz Kinmayer & Markus Scholz

Papst beschwört Gläubige

Freiburg (epd). Papst Benedikt XVI. hat am letzten Tag (Sonntag, 25. September 2011) seines Deutschlandbesuchs vor rund 100.000 Gläubigen zur Einheit der katholischen Kirche aufgerufen. Er rief in Freiburg zur Umkehr und Erneuerung des persönlichen Glaubens auf. Die großen Herausforderungen werde die Kirche in Deutschland nur bestehen, wenn alle "in Einheit zusammenarbeiten", sagte er.



Standpunkt: Enttäuschte Hoffnungen
von Roland Herold

Noch vor wenigen Tagen herrschte eine regelrechte Papst-Euphorie in Deutschland. Nun aber, am Ende des viertägigen Aufenthalts macht sich allenthalben der große Papst-Kater breit. Der Besuch Benedikt des XVI. scheint keinerlei Fortschritte gebracht und stattdessen nur bekannte Positionen zementiert zu haben. Impulse für die Ökumene? Höchstens lauwarm. Chancen für außereheliche Lebensgemeinschaften? Keine Spur. Frauen als Priester? Undenkbar.

Doch die Größe der Enttäuschung bemisst sich ausschließlich an der Fallhöhe der Hoffnung. Der Pontifex ist nicht als Reformer angereist, sondern als Bewahrer. Wer anderes erhofft hatte, muss sich im Nachhinein Blauäugigkeit bescheinigen lassen. So bleiben am Ende nur Gesten statt Taten. Mit einer Ausnahme: Immerhin hat Benedikt XVI. die deutschen Politiker im Bundestag ins Gebet genommen und ein klares ökologisches Bekenntnis abgelegt.
Text: Leipziger Volkszeitung (26.09.2011)
Foto: dpa

Unvergessliche Tage
Ministerpräsidentin Lieberknecht und Bischof Wanke ziehen Bilanz des Papstbesuches in Thüringen

Erfurt (epd). Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und der Erfurter Bischof Joachim Wanke haben den Papstbesuch als unvergessliches Ereignis gewürdigt.

Für Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat der Besuch von Papst Benedikt XVI. ihrem Bundesland Eindrücke "von bewegender Symbolkraft" gebracht. Lieberknecht äußerte sich zusammen mit dem Erfurter Ortsbischof Joachim Wanke nach der Abreise des Papstes bei einer Pressekonferenz. "Sie sehen einen erleichterten Bischof vor sich, der frohen Herzens auf der vergangenen beiden Tage zurückschaut", sagte Wanke und betonte noch einmal ausdrücklich, Benedikt XVI. habe den Freistaat stellvertretend für alle neuen Bundesländer besucht.

"Wichtiges Zeichen der ökumenischen Bewegung"

Lieberknecht hob vor allem das Treffen mit Spitzenvertretern des Protestantismus hervor. Es sei ein "wichtiges Zeichen der ökumenischen Bewegung mit globaler Tragweite". Im Unterschied zu anderen sei sie nicht darüber enttäuscht, dass sich Benedikt XVI. nicht zu Einzelfragen der Ökumene geäußert habe, sagte die Ministerpräsidentin, die von Beruf evangelische Theologin ist. Vielmehr stimme sie mit dem Papst darin überein, dass verschiedene Positionen in der Ökumene nicht wie Verträge verhandelt werden könnten. Bestehende Unterschiede müssten "in aller Klarheit" und mit Geduld angegangen werden. Lieberknecht rief zudem dazu auf, die vom Papst ausgesprochenen Impulse auch in der Politik aufzugreifen, etwa in christlichen Parlamentariergruppen wie dem Evangelischen Arbeitskreis der CDU. Lieberknecht zeigte sich überzeugt, dass von dem ökumenischen Treffen in Erfurt für die Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 "weitere Impulse ausgehen werden".

Wanke hob hervor, der Papst habe eine "Botschaft der Zuversicht" auch an Menschen gerichtet, die der Kirche nicht nahestehen. Er habe "angekämpft gegen die Gefühle der Angst und Verlorenheit" etwa wegen der Eurokrise. Zudem habe der Papst deutlich gemacht, dass "das geistliche Grundwasser der Religiosität" auch in der Welt der Moderne passt, "wiewohl die konkreten Fragen bleiben".

"Thema Missbrauch ist keineswegs abgeschlossen"

Bischof Wanke würdigte zudem das vertrauliche Gespräch Benedikt XVI. im Erfurter Priesterseminar mit Missbrauchsopfern. Es mache deutlich, "dass das Thema keineswegs abgeschlossen ist".

Wanke dankte den Behörden für die "sehr konstruktive Zusammenarbeit" und den Bürgern für ihr Verständnis, das sie den Sicherheitsauflagen des Besuchs entgegengebracht hätten. Auch Lieberknecht sagte, die Thüringer seien ihrer Rolle als Gastgeber "vollauf gerecht geworden".

Hintergrund: Zahlen und Fakten zum Papstbesuch

Auswahl bemerkenswerter Zahlen und Fakten zur Reise von Papst Benedikt XVI. nach Deutschland:

An den fünf großen Gottesdiensten des Papstbesuches haben etwa 310.000 Menschen teilgenommen. Die größten Gottesdienste waren die Eucharistiefeier in Freiburg (100.000) und die Marienvesper in Etzelsbach (90.000).

Während seines viertägigen Besuchs - der Papst weilte rund 105 Stunden in seinem Heimatland - hielt das Kirchenoberhaupt 17 Predigten, Ansprachen und Grußworte.

Zum Papstbesuch hatten sich mehr als 2.400 Journalisten aus aller Welt akkreditiert. Dazu kamen mehr als 800 Kameraleute und Techniker.

Die Kosten für den Papstbesuch beziffert die Deutsche Bischofskonferenz auf 25 bis 30 Millionen EUR. Wieviel der Staat darüber hinaus für die Sicherheit des Gastes ausgibt, ist schwer zu beziffern.

Nach einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung sind 63 Prozent der Deutschen stolz darauf, dass der Papst ein Landsmann ist.

Der Besuch des Papstes war Anlass für den größten Polizeieinsatz in der Geschichte Thüringens. Mehr als 6.000 Beamte haben für die Sicherheit des Gastes gesorgt. Zu den rund 4.000 Beamten der Thüringer Polizei kamen mehr als 1.400 Beamte aus anderen Bundesländern und der Bundespolizei.
Text: Tag des Herrn (02.10.2011)
Foto: unbekannt
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